Miao Huang, Klavier

Rhein-Zeitung,  Ausgabe Andernach vom 19.03.2013

Frau Dr. Lieselotte Sauer-Kaulbach

 

Musikalisch bis in die Fingerspitzen

 

Miao Huang bei der letzten Matinee der Saison in der Villa Michels 

 

1985 erhielt er von der renommierten Van Cliburn Piano Competition den Auftrag, ein Pflichtstück für die zwölf Semifinalisten zu schreiben: John Corigliano, Jahrgang 1938, ein musikalisches Multitalent, reagierte mit einem Werk, das nicht technische Perfektion und standardisierte Repertoirekenntnisse abfragte, sondern Musikalität und Imagination, der "Fantasia on an Ostinato". Ein Werk, wie maßgeschneidert für die 1984 im chinesischen Wuhan geborene Pianistin Miao Huang, die 2011 beim Deutschen Musikwettbewerb in Berlin in der Kategorie Klavier solo siegte, in die Bundesauswahl Junger Künstler aufrückte und jetzt die letzte Matinee der Saison in der Villa Michels bestritt. 

 

Eine Künstlerin, die, wie bereits Mozarts Sonate Nr. 9 D-Dur KV 311 zeigte, musikalisch bis in die Fingerspitzen ist und diese Musikalität mit ebenso solider wie virtuoser Spieltechnik verbindet. Nicht zu vergessen ist ihre Fähigkeit, einem Werk auch verborgene Seiten abzuspüren, wie der graziösen Mozart-Sonate, in der sie den langsamen Mittelsatz zum Inbegriff tiefer Empfindsamkeit macht. Eben jene Fähigkeit offenbart Miao Huangs Interpretation der sechs Klavierstücke des späten op. 118 von Johannes Brahms. Im Wechsel von träumerischen Reflexionen und düster-resignativen Ahnungen werden sie zum leisen nie überdramatischen Psychogramm.

 

Und dann die zierlich nicht festgelegte "Fantasia" John Coriglianos, von der Pianistin kondensiert auf knappe acht Minuten, formal minimalistische, Beethovens siebter Sinfionie angelehnte Ostinatofiguren, flankiert von wechselnden Dur- und Mollakkorden und -harmonien, durch dynamische Rafinesse vor aller Monotonie bewahrt. Der Gedanke des Ostinaten, der stetigen Wiederholung, zieht sich durch die gesamte zweite Hälfte des Programms.

 

Er findet sich in den "Danzas argentinas", dem op. 2 Alberto Ginasteras, im unaufhaltsamen rollenden Tanz des Wagenlenkers genauso wie im wild-gewalttätigen des Gauchos und nicht weniger in den Jazz- und Blueselementen von George Gershwins "Rhapsody in Blue". Wozu braucht´s eines Orchesters, wenn eine Pianistin wie Miao Huang am Werke ist, eine, die hier noch einmal nahezu uneingeschränkt ihre unwiderstehliche Musikalität ausleben kann.

 

 

 

Andernach aktuell 12/2013

Miao Huangs Liaison mit dem Flügel

Herr Michael Harbeke


Junge Chinesin spielte in Andernachs Villa Michels’ auf
Wenn Pianisten eins mit ihren Instrumenten werden und der dem Flügel entströmende Klang aus tiefsten Herzen kommt - dann entstehen Klassikmomente, die auf das Publikum elektrisierend wirken und nur schwer zu beschreiben sind. In der Villa Michels, dem schmucken Anwesen, das direkt am Andernacher Rheinufer liegt, spielte die junge Chinesin Miao Huang auf und bescherte dem Auditorium ein meisterhaftes „Verwöhnkonzert“, in dem sie aus ihrem facettenreichen Repertoire nur die Schmucksteine des klassischen Kanons auswählte. Claudia Karrich-Schlax, die Tochter der Veranstalterin Frau Gabriele Karrich, begrüßte im Konzertzahl einen anspruchsvollen Kreis erfahrener Musikfreunde. Im Vorfeld stimmte die Kennerin ihr Publikum auf einen inspirierenden Vormittag ein und stellte das abwechslungsreiche Programm vor: „Heute erleben sie, liebe Gäste, eine Auswahl unterschiedlichster Komponisten. Von Mozart und Brahms, über Gershwin und Ginastera - die Pianistin Miao Huang wird sie überraschen.“ Die Chinesin wurde 1984 in Wuhan geboren, wo sie seit ihrem vierten Lebensjahr Klavierunterricht bekommen hatte. Schon ab diesem Zeitpunkt entwickelte sich aus den ersten pianistischen Gehversuchen eine ernsthafte Karriere, die Miao Huang über namhafte Stationen schließlich nach Deutschland führen sollte. In Hannover studierte sie Klavier und gewann viele internationale Preise, die ihr zum Durchbruch verhalfen. Bei Virtuosen wie Fabio Bidini und anderen Größen des Geschäftes, belegte sie Aufbaustudiengänge, die sie über die Jahre in ihrem Ausdruck reifen ließen. In der Villa Michels spielte sie Stücke von Mozart, Brahms, Corigliano, Ginastera und Gershwin. Klassik und Modernität bildeten eine stimmungsvolle Melange, die von ihr auf dem musikalischen Silbertablett serviert wurde. Miao Huangs Liaison mit dem Flügel gestaltete sich als eine „Schicksalsgemeinschaft“. Beide waren wie füreinander geschaffen. Was Miao Huang dem Piano entlockte, konnte als purer Genuss interpretiert werden.

 

Mozarts „Sonate Nr. 9“, diese verspielte und nuancenreiche Komposition, war für ihren konzertanten Auftakt wie geschaffen. Nach der Epoche Klassik, wurde die deutsche Romantik in den Fokus gerückt. Johannes Brahms Klavierstücke op. 118 beinhaltet formvollendete „Masterpieces“, die das Ohr umschmeichelten. Miao Huangs gefühlvolles Spiel adelte die sechs Preziosen Brahms, der von Musikkritikern vergangener Tage zu Unrecht als zu angepasst und formalistisch bezeichnet wurde. Sätze wie das „Intermezzo“, die „Romanze“ oder die „Ballade“ verfehlten nicht ihre Wirkung unter den geschulten Fingern Miao Huangs, die in der Villa Michels einen bleibenden Eindruck hinterließ.

 

Im zweiten Teil betrat die sympathische Pianistin komplettes Neuland und warf das „klassische Genre“ über Bord. Nach der Pause dominierten Virtuosen des 20. Jahrhunderts, die sich von der strengen Harmonienlehre immer mehr verabschiedet haben, um den freien, ungezähmten Geist des Jazz’ und der Weltmusik oszillieren zu lassen. John Coriglianos „Fantasia on an Ostinato“, die der Meister erst 1985 komponiert hatte, griff immer wieder ein Thema aus Beethovens 7. Sinfonie auf und verpflanzte den „Notenbaustein“ wirkmächtig in seine Fantasien. Miao Huang liebte aber auch Alberto Ginasteras „Danzas argentinas“, die dem argentinische Leben ein musikalisches Denkmal setzten. Fast schon mit lateinamerikanischen Feuer flog die Pianistin über die Tasten, bevor sie sich einer Institution der Jazzmusik widmete, die wir alle kennen und schätzen: George Gerschwins „Rhapsody in Blue“ besiegelte eine fulminante Matinée auf der Villa Michels.

 

Claudia Karrich-Schlax bat all ihre Gäste in den holzvertäfelten Saal der Villa zu einem Umtrunk, kaum nachdem der Schlussakkord Miao Huangs verklungen war.