Kämpferisch und zart zugleich - Erste Matinee der Jubiläumssaison

Rhein-Zeitung, Ausgabe Andernach vom 06.10.2015

von Dr. Lieselotte Sauer-Kaulbach


Die erste Matinee der Saison , mit der die Villa Michels in Andernach den 50. Geburtstag ihrer Sonntagmorgen Konzerte feiert, musste schonetwas Besonderes sein. Claudia Karrich-Schlax, die die von ihrem Großvater begonnene Familientradition fortführt, hatte sich dafür aus den Reihen der "Bundesauswahl Konzerte Junger Künstler" des Deutschen Musikrates tatsächlich einen besonderen Interpreten ausgesucht: den 24-jährigen Pianisten Frank Dupree.

 

Wen der amerikanische Pianist Emanuel Ax als "außergewöhnlichen,  empfindsamen und enorm interessanten Künstler" lobt, der muss etwas können. Glücklicherweise scheint solches Lob Dupree kaum zu belasten. Bescheiden, sympathisch tritt er auf. Er startet gleich mit der monumentalen C-Dur Fantasie, op. 17 Robert Schumanns, die er 1836 begonnen hat, als er um seine geliebte Clara Wieck kämpfte.

 

Diesen Kampf spiegelt vor allem der erste Satz, vom ersten Takt an Manifest einer zwischen Liebe und Verzweiflung, Schwärmerei und tiefster Depression zerrissenen Seele. Dupree vollzieht diesen Kampf mit allen Fasern seines Herzens nach. Schöpfmit Schumann im mittleren "Durchaus energisch" überschriebenen, voranmarschierenden, in einer rasanten Coda gipfelnden Satz Hoffnung, die zur Basis wird für den versöhnlich beruhigten Schlusssatz.

 

Entspannung für mitleidende Seelen, nicht aber für den Pianisten, offeriert Schumanns Toccata C-Dur op. 7. Für den ist sie wirklich "eines der schwierigsten Clavierstücke", das Schumann seinem Freund Ludwig Schunke widmete, das aber erst Clara Schumann 1834 erstmals aufführte. Nur diese beiden , so ein Zeitgenosse, könnten so etwas spielen. Dupree kann es ebenfalls, beherrscht trotz atemberaubender Tempos die notwendig nuancierte Anschlagstechnik, degradiert das Werk trotzdem nicht zur fingerakrobatischen Etüde.

 

Ebenso virtuos wie feinfühlig interpretiert er nach der Pause 3 Stücke aus Maurice Ravels "Miroirs" (Spiegelungen). Pastellige Tongemälde von impressionistischer Leichtigkeit, wie das Bild des sich auf den Wogen des Meeres wiegende Schiff, das zwischen kecker Sprunghaftigkeit und überraschendem Ernst wechselnde "Morgenlide des Narren" und das "Valleé des cloches".

 

Von Paris inspiriert schuf George Gershwin sein sinfonisches Tonbild  "An American in Paris", von Dupren in seiner eigenen Transkription für Klavier solo aufgeführt - ein beschwingtes, kakophonisches Portrait der Stadt. Selbst die Taxihupen fehlen nicht.

Frank Dupree verschmolz mit dem Flügel - Erste Matinee eröffnete Jubiläumsjahr 2015

Andernach  aktuell 41/2015,  vom 06.10.2015, Seite 3

von Frank Harbeke



Claudia Karrich-Schlax dankte zum Auftakt der 50. Matineen-Saison in der Villa  Michels ihren treuen Abonnenten und den weiteren Musikfreunden, die in der Villa Michelsschon seit Jahr und Tag einkehren, um exquisite Kammermusik mit Panoramablick auf den Rhein zu erleben: "Sie , meine leiben Gäste, sind das Salz in der Suppe unserer traditionellen Konzertreihe, die mein Großvater Dr. Alfred Michels 1965 aus der Taufe hob. Seitdem ist viel passiert, aber an einem Grundsatz haben wir immer beständig fest gehalten. Wir wollen unser Haus mit Leben füllen- und das am besten mit Musik": Die Villa Michels ist in all den Jahren zu einem Ort der Begegnung geworden. Junge Talente der Klassik werden von ihm magisch angezogen. Aber auch die Zuhörer sind inspiriert, wenn sie die Villa Michels durch das herrschaftliche Portal betreten und in einem Flur aus weißem Marmor fast geblendet werden. Die Matineen sind bei Kulturfreunden hoch geschätzt. Was gibt es denn auch Schöneres als bei klassischer Musik seine Akkus wieder aufzutanken und eins mit der Musik zu werden? Am vergangenen Sonntag gastierte der 24-jährige Nachwuchskünstler Frank Dupree in der Villa Michels.

 

Der charismatische Pianist und Komponist verschmolz mit dem Flügel und begeisterte die Zuhörer mit einem Programm welches mit der Überschrift "Vision - Illusion - Fantasie" apostrophiert worden war.  In zwei Stunden erlebten die Zuhörer eine beeindruckende Reise durch verschiedene Stile und Arrangements. Sie durften teilhaben an einem jungen Mann, der mit sechs Jahren den ersten Klavierunterricht erhalten hatte und im Anschluss eine steile Karriere mit vielen Stipendien und Förderungen erfahren durfte. Dupree arbeitete sogar schon als Assistent für Sir Simon Rattle. Dass seine Musik dieses Jahr erstmalig auf eine CD gebrannt wurde, bedeutete für den jungen Künstler eine Ritterschlag. Im ersten Teil erklang Robert Schumanns (1810-1856) "Fantasie in C-Dur op. 7", welche in drei Sätzen verzauberte, die unterschiedlicher nicht sein konnten und poetische umschrieben wurden. Ob "durchaus phantastische" oder "durchaus energisch" mitunter auch "durchweg leise" - bei der Fantasie in C-Dur begeisterte Frank Dupree mit forscher und dann wieder gefühlvoller Hand sein Publikum. Als Überleitung erklang die "Toccata in C-Dur", welche weniger berträumt, aber nicht minder reizvoll in die Pause führte. Im zweiten Part verließ Dupree den Kanon der deutschen Romantik und wandte sich der Moderne zu, was für  das feine Gehör der Zuhörer wohl ein Umstellung, aber keine Zäsur bedeutete. Durch die Gewandtheit des jungen Pianisten wurde der zweite Part zu einer musikalischen Entdeckungsreise in fremde Welten. Maurice Ravels (1875-1937)  "Speigelbilder" schufen Tongemälde von beeindruckender Schönheit. Im Satz "Tal der Glocken" hat Ravel den Pariser Glocken eine Hommage komponiert, oder aber die Laute einer Barke auf dem Ozean nachempfunden. Mit George Gershwins (1898-1937)  "An American in Paris" hat sich Frank Dupree einen Lebenstraum erfüllt. Da das Stück für Symphonie-Orchester komponiert worden war,  setzte der sich eigenhändig an die Notenblätter und schrieb das Stück für Piano um.  Sein großes Talent der Komposition begeisterte die Besucher der ersten Matinee der neuen Saison 2015/2016 derart, dass sie Frank Dupree nicht ohne Zugabe zeihen ließen. Selbst von seinem Werk angetan, berichtete er am Ende des Konzertes von der Intention seinen Arrangements: "100 Orchestermusiker finden ja leider keinen Platz in dem Saal der Villa Michels. Ich musste also so lange arrangieren, bis in jedem meiner zehn Finger jeweils zehn Musikinstrumente schlummerten. Mich fasziniert einfach Gershwins Art, den Jazz in seine Stücke zu integrieren,  ihn als beständiges Element seiner Kunst auszurichten. Dieser Meister hat es mir angetan!" Unter großem Applaus endete das erste Konzert  der Villa Michels.