Ravel und Chopin: Tastenakrobatik in Perfektion

Andernach aktuell, 12/2017, Seite 5
von Michael Harbeke

 

Alexander Krichel bescherte Pianofreunden Hochgenuss

 

In der Villa Michels, in der Kölner Straße direkt am Rhein gelegen, fand das letzte Konzert der beliebten Matineen-Saison 2016/17 statt. Klassik-Liebhaberin Claudia Karrich-Schlax begrüßte zur traditionellen Veranstaltungsreihe, die es schon seit über 50 Jahren gibt, zahlreiche Klassikfreunde und Förderer, die die Vorzüge von Pianomusik der Spitzenklasse genießen durften.

 

Alexander Krichel (Jahrgang 1989), der mit seinem Debutalbum Frühlingsnacht den Echo Klassik 2013 gewann, besuchte erneut die Villa Michels, um ein atemberaubendes Kammerkonzert seinem Publikum zu präsentieren. Krichel erinnerte sich gerne an seinen Auftritt 2013 zurück.

 

Der renommierte Pianist, der in Hamburg und London lebt, machte auch 2017 nicht nur spielerisch, sondern auch charakterlich einen frischen und vor allem sympathischen Eindruck. Anekdotenreich führte Krichel in sein Programm ein, bei dem vor allem der spanisch-französische Komponist Maurice Ravel (1875-1935) den Ton angab. Kurzentschlossen hatte Krichel die „Symphonischen Etüden“ Schumanns, einem Stück des Bolero-Erfinders Ravel geopfert. Krichel, der seine neue CD bereits Ravel gewidmet hat, wollte die hohe Bedeutung eines der wohl janusköpfigsten Künstler seiner Zunft aus dem Flügel herauskitzeln.

 

Von Ravel zeigte sich Krichel elektrisiert. Er bezeichnete ihn als seinen „Meister der Gegensätze“, einen „akribischen und verkopften, aber auf der anderen Seite emotionalen und feinfühligen Musikus“. Krichel betonte mit Nachdruck: „Maurice Ravel ist mehr als Bolero!“. Claudia Karrich-Schlax und ihre Gäste überzeugten sich insbesondere an den „Miroirs“ des genialischen Komponisten sowie dem hohen Kunstschaffen Alexander Krichels. Poetisch wurden die unterschiedlichen Sätze von Ravel beschrieben. Das historische Lieblingsstück des Komponisten waren die „trauernden Vögel“, welche in einem exotischen Land vom Überdruss der Hitze die Fähigkeit des Fliegens einbüßten.

 

Die „ Miroirs“ begannen mit den „Noctuelles“, dem nächtlichen Spuk, dessen verstrickender Zauber selbst noch in den frühen Stunden der Matinee für die Zuhörer greifbar wurde.

Alexander Krichel bezeichnete das sogenannte „Morgenlied des Narrens“ als Ravels Bravourstück, welches in Wirkung und Intention seinesgleichen suchte: „Eigentlich möchte man beim Schlussakkord dieses Liedes am Liebsten applaudieren. So spürbar einzigartig ist die Weise eines Narren, der mit dem Zuhörer auf einem großen Platz Schabernack treibt“.

Ravel wollte jedoch mit seinem anschließenden „Tal der Glocken“ die Innerlichkeit und Melancholie über den Narren triumphieren lassen. „Jedem Ton seiner Komposition entströmt Glockenklang“ – wie es Krichel ausdrückte. Neben den „Miroirs“ und dem „Pardre Damian“ – die einen Musikkosmos der aufkommenden

Moderne abbildeten – komplettierten Frederic Chopins (1810-1849) „6 Etudes op. 10“ die Abschlussmatinee, bei der der Konzertsaal der Villa Michels aus allen Nähten platzte. Etüden sind von ihrem Ursprungsbedeutung für übende Studentenhände komponiert worden – besaßen also einen reinen Lehrbuchcharakter. Bei diesen Stücken wurden spezielle Handgriffe automatisiert und der Schüler „malträtiert“, wie es Alexander Krichel sinngemäß ausdrückte. Später dann wurden Etüden für den Konzertsaal geschrieben, die nicht nur für die pianistische Künstlerwerkstatt gedacht waren. So auch die 6 Etüden aus dem op. 10, wo vor allen Dingen die Revolutions-Etüde Chopins heraussticht, welche er der Legende nach 1831 geschrieben hatte, als die Russen in den Nachwehen der Julirevolution Warschau besetzt hatten.

 

Der Halbfranzose mit polnischen Wurzeln verpackte in ihr all den Schmerz, welchen er durch den bitteren Verlust seiner Heimat musikalisch verarbeitete. Mit Alexander Krichel gewann die Villa Michels zum Abschluss ihrer diesjährigen Matineen-Reihe einen glanzvollen und hochdekorierten Pianisten, der das Publikum mit seiner Empfindsamkeit für die Klavierkunst und die Wertigkeit der Interpretation beeindruckte.

 

Redaktionelle Anmerkung: Leider musste Herr Harbeke uns in der Pause verlassen, sodass er die "Gaspard de la nuit" von Ravel verpasste und nicht beschreiben konnte.

 

Andernach aktuell, 12/2017
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Von Dämonen nicht aus dem Takt zu bringen

Rhein-Zeitung , Dr. Lieselotte Sauer-Kaulbach

 

Starpianist Alexander Krichel spielt zum Saisonabschluss in der Villa Michels

 

Konzerte in Wien, Berlin, München, Hamburg, Zürich, Tourneen, die ihn schon um den halben Globus führten, Auftritte bei den wichtigsten Musikfestspielen von Schleswig-Holstein bis Bordeaux, geschätzter Kammermusikpartner von Rolando Villazón, Klaus Florian Vogt und Albrecht Mayer, Zusammenarbeit mit renommierten Orchestern und Dirigenten: Steiler kann eine Karriere kaum verlaufen als die Alexander Krichels, Jahrgang 1989 und einer der bemerkenswertesten Pianisten seiner Generation.

 

Claudia Karrich-Schlax schaffte es bereits zum dritten Mal, ihn für eine Matinee in der Villa Michels in Andernach zu gewinnen, das erste Mal 2010. Sieben Jahre später hat er bereits fünf CDs im Gepäck, ganz frisch sein jüngstes Album: „Miroirs“ ist den drei Klavierzyklen Maurice Ravels gewidmet.

Kein Wunder, wenn Krichel, der in Hamburg, Hannover und zuletzt in London studierte, auf Ravel´auch bei der Matinee setzt, die „Miroirs“ flankiert mit Ravels „Gaspard de la Nuit“, für den Schumanns Symphonische Etüden weichen müssen.Aber schließlich startet er sein Programm schon mit Konzertetüden, sechs Etüden des op. 10 FrédéricChopins. Die sind selbst für einen Ausnahmepianisten wie ihn ein tückischer Einstieg; da geraten die Arpeggien der Rechten in der C-Dur-Etüde Nr. 1 noch nicht ganz ebenmäßig, ereilt ihn in der zweiten,der in a-Moll, dem gemeinen Training für den vierten und fünften Finger der rechten Hand, wirklich der gefürchtete Krampf. Der hindert ihn allerdings nicht daran, der Nr. 12 in c-Moll, der „Revolutionsetüde“, komponiert anlässlich des gescheiterten polnischen Aufstands gegen Russland, nachdrückliche Wucht zu verleihen. Alles ist hier Aufruhr, die rasenden Sechzehntel in der Linken, die widerstreitenden poly-rhythmischen Strukturen in der Rechten.

 

Technisch nicht weniger anspruchsvoll, dazu mit verblüffendem Klangreichtum aufwartende Meisterwerke des musikalischen Impressionismus sind die großen Klavierzyklen Ravels. 1905 vollendete er seine „Miroirs“, seine „Spiegelungen“, fünf tonmalerische, teils naturpoetische Charakterstücke. Alexander Krichel entfaltet, dank ausgefeilter Anschlags- und virtuoser Spieltechnik, feinfühlig und differenziert den unerschöpflichen Nuancenreichtum dieser Tongemälde. Atemberaubende Wechselspiele zwischen Licht und Schatten, Sturm und Ruhe sind das, kontrastiert durch das aberwitzige „Morgenlied des Narren“, fingerbrecherisch in seiner Sprunghaftigkeit, ein Testfall für die Repetitionsmechanik jedes Flügels wie der noch teuflischere Tastentänze fordernde „Scarbo“, der dämonische Zwerg im dritten Stück von Ravels Klavierzyklus „Gaspard de la Nuit“, inspiriert durch drei schauerromantische Gedichte von Aloysius Bertrand.

 

Einen überlegenen und überlegenden Interpreten wie Krichel kann auch dieser Gnom nicht wirklich in Gefahr bringen.