Tollheit und Träumerei

Das Duo Liepe bei der Kammermusik-Matinee in der Villa Michels

 

von Dr. Lieselotte Sauer-Kaulbach

 

Es hätte alles perfekt gepasst, wäre es ein Programm gewesen, das sich ganz den Schumanns und ihrem Düsseldorfer Kreis widmete, mit Werken von Robert, von Joseph Joachim und von Johannes Brahms, die beide sehr jung, gerade mal 20 waren, als sie die Schumanns in ihrem neuen Domizil am Rhein besuchten und frischen Elan in deren nicht immer einfaches Miteinander brachten.


Aber die Hausherrin der Villa Michels in Andernach, Claudia Karrich-Schlax, denkt und bucht für ihre Matineen emsig Programme aus der Bundesauswahl der Konzerte junger Künstler des Deutschen Musikrates – und die jungen Künstler nehmen sich halt das Recht heraus, die Programme dann doch mal ein bisschen umzustricken. So wie das aus Polen stammende Brüderpaar Nils und Niklas Liepe – Pianist der eine, Geiger der andere.

 

An diesem Vormittag tauschen die Liepes die dritte, die „ungarische“ Violinsonate op. 108 von Johannes Brahms, gegen Ludwig van Beethovens Violinsonate A-Dur, op. 47 aus, nach ihrem Widmungsträger, dem französischen Geiger Rodolphe Kreutzer benannt. An Energie, wie es Niklas Liepe scherzhaft meinte, kann die es mit Brahms wohl aufnehmen, umso mehr, als sich das Brüderpaar im ersten, verhalten, beinahe suchend anhebenden, dann aber rasch zum ungestümen Presto mutierenden Satz sich nichts schenkt. Da jagen sich beide, Geige und Klavier, in einen regelrechten Strudel aus wilden Tremoli, stürmischen Akkordbrechungen und rasenden Läufen, in dem schon mal der eine oder andere ein wenig untergeht. Aber was macht das schon, wenn die beiden in den Variationen des langsamen Mittelsatzes zum harmonischen Miteinander finden und das auch im furiosen Tarantella-Finale durchhalten.


Kompromisslosigkeit zum Ausloten dynamischer, thematischer Kontraste hatten die Liepes schließlich gleich zum Einstieg in der Violinsonate Nr. 1 a-Moll, op. 105 bewiesen, die Robert Schumann für seinen Freund und späteren Biografen, den Geiger Joseph von Wasielewski, komponierte. Denn die hebt leidenschaftlich und zart zugleich an, verknüpft ein eher düsteres Haupt- mit einem empfindsamen Seitenthema, bleibt zwiespältig auch im Launisches und Lyrisches verbindenden Scherzo, das von den Liepes zu einem delikaten Frage-Antwort- Spiel entwickelt wird, und kontrastiert ausladende Geigenkantilenen mit treibenden Klavier- Sechzehnteln im Schlusssatz.


Brahms taucht dann doch im Programm auf – als Beiträger zur FAE-Sonate, die er gemeinsam mit Schumann und Albert Dietrich für Joseph Joachim schrieb. Nils und Niklas Liepe verzichten dabei auf den vierten Satz, den, wie das kurze Adagio, Schumann beisteuerte. Aber Schumann scheint schließlich auch im ersten Satz durch, dem von seinem Schüler Dietrich komponierten, ständig zwischen Dur und Moll wechselnden, leitmotivisch in der Violine vom FAE, den Initialen von Joachims Motto „Frei, aber einsam“ durchzogenen Allegro auf. Versteckter findet sich das Motiv auch im Brahms'schen Scherzo: Wildheit, Tollheit à la E.T.A. Hoffmanns Kapellmeister Kreisler, der die Liepes als Gegengewicht das Träumerische von Joachims Romanze Nr. 1 entgegensetzen.

Tollheit und Träumerei
Das Duo Liepe bei der Kammermusik-Matinee in der Villa Michels
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