Eine gute Portion ungestüme Spielfreude

Trio Adorno:

Hamburger Jungs sorgten für erfrischendes Konzert in der Villa Michels Andernach.

 

von Dr. Lieselotte Sauer-Kaulbach

 

Er war nicht nur sein Klavier- und Kompositionsschüler, sondern auch einer seiner wichtigsten Förderer und besten Freunde: Erzherzog Rudolph, der jüngste Sohn Kaiser Leopolds II. Kein Wunder also, dass es immer wieder besonders bedeutende Werke waren, die Ludwig van Beethoven diesem Habsburger widmete, darunter sein 1811 komponiertes B-Dur-Klaviertrio op. 97.


Nicht umsonst trägt das Werk, das letzte seiner Gattung, das Beethoven schrieb, den Beinamen „Erzherzogtrio“. Tatsächlich ist es nicht allein wegen seiner zeitlichen Dimensionen etwas Besonderes, denn es ist mehr als 40 Minuten lang und füllt damit eine Hälfte der Matinee in der Villa Michels mit dem Trio Adorno. Das sind drei junge Hamburger, der Pianist Lion Hinrichs, der Geiger Christoph Callies und der Cellist Samuel Selle, die sich 2003 für „Jugend musiziert“ zusammentaten und seitdem miteinander spielen, „fast die Hälfte unseres Leben“, wie Selle scherzhaft kommentiert. Studiert haben sie in Hamburg, Lübeck sowie Berlin und holten sich kammermusikalischen Schliff unter anderem beim Alban Berg Quartett und beim Beaux Arts Trio. Wenn die drei natürlich auch noch nicht auf dem Level dieses legendären Trios musizieren – dafür bleibt ihnen ja auch noch ein bisschen Zeit.


In 16 Jahren haben sie sich trotzdem klangliche Geschlossenheit und Reife erarbeitet, paaren sie mit einer erfrischenden Portion jugendlichen Ungestüms. Da hat selbst das Beethoven'sche Trio, in dem der „Wüterich“ ungewohnt zahm zu Werke geht und Kopf- sowie Seitensatz überraschend empfindsam ausfallen, dann doch in den Ecksätzen seine Steigerungen, die das Trio mit Vehemenz entfaltet, mit einer Verve, die im Walzer- Scherzo in pure Spielfreude umschlägt. Die macht gelegentliche Unebenheiten im jedes Instrument schön bedenkenden, gesanglichen Varitionen-Andante wett – Unebenheiten, beispielsweise zwischen Cello und Klavier, da die Streicher stellenweise den durchgängig um Differenzierung bemühten Hinrichs, ein souveränes Rückgrat des Trios, ein bisschen zuzudecken drohen.

 

Insgesamt ausgewogener, geschlossener, vielleicht auch weil sich die drei jetzt auf die akustischen Gegebenheiten des Raumes eingestellt haben, der eben doch mehr Salon als großer Konzertsaal ist, gelingt Felix Mendelssohn Bartholdys Klaviertrio Nr. 2 op. 66 in c-Moll. Ein Werk, in dem dramatisch drängendes, romantisches Stürmen und das Lyrische der „Lieder ohne Worte“ zusammenkommen, dessen Scherzo sommernächtlich flirrt und geistert und in dessen Finalsatz der zunächst vom Klavier angestimmte, von den Streichern aufgegriffene Choral „Vor deinen Thron tret ich hiermit“ zum spirituellen Ruhepol wird, der den Weg vom dunklen c-Moll zum strahlenden C-Dur öffnet. Die Interpretation des Trio Adorno arbeitet die unterschiedlichen Facetten der Komposition überzeugend heraus und verleiht ihnen spannungsvoll Ausdruck vom ersten bis zum letzten Ton.

Eine gute Portion ungestüme Spielfreude. Das Trio Adorno in der Villa Michels
Rezension aus der Rhein-Zeitug vom 02.04.2019, Ausgabe Andernach, Seite 21
02_04_2019_C_21_3370ce00ef.pdf
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