Ein Herz für die Kammermusik  - 50 Jahre Matineen in der Villa Michels

Rhein-Zeitung vom 29.09.2015, Seite 18

von Dr. Lieselotte Sauer-Kaulbach

 

Vor 50 Jahren hat sich die Tür der Vila Michels in der Kölner Straße 4  zum ersten Mal für eine sonntägliche Kammermusik-Matinee geöffnet. Seitdem blieb die Tür des von 1893-1897 im Stil der spätitalienischen Renaissance von dem Grubenbesitzer Franz-Xaver Michels und seiner Frau Maria gebauten imposanten Hauses immer offen. Im Jubiläumsjahr startet  die wieder 4 Matineen umfassende Saison am Sonntag, 4. Oktober.

 

Eigentlich reicht das kulturelle Engagement der Familie noch ein Jahrzehnt weiter zurück. Bereits 1955 begann Alfred Michels, der das Haus von seiner Mutter übernahm, mit den "Andernach er Bildungsabenden", einer Reihe von Veranstaltungen und Vorträgen. 1956 war Konrad Adenauer mit dem damaligen Ministerpräsidenten Peter Altmaier zu Gast in der Villa Michels, als er in Andernach die Garnison der noch jungen Bundeswehr besuchte. In der Folge wurde die Villa Michels auch ein Ort der Begegnung zwischen Soldaten und der Zivilbevölkerung. "Mein Großvater war vielseitig interessiert und gebildet", erzählt Claudia Karrich-Schlax die seit 2012 die Matineen organisiert und betreut. Zu seinen vielen Interessen gehörte die Musik. "Wir haben fast alle irgendein Instrument spielen gelernt", ergänzt seine Tochter Gabriele Karrich, die nach dem Tod ihres Vaters 1979  die musikalische Familientradition fortführte. Wir sitzen im Wohnzimmer ihres Hauses in Koblenz- Arenberg, blättern in Zeitungsausschnitten und Gästebüchern, die ihre Tochter Claudia herausgesucht hat.

 

Unter den Einträgen seit der ersten Matinee am 28.August 1965 mit der Koblenzer Pianistin Ruperta Schaffganz und dem Cellisten Konrad Littmann finden sich zahlreiche illustre Namen, unter den Interpreten wie unter den Gästen. Zu Letzteren zählten zum Beispiel Albrecht von Hohenzollern mit Gattin sowie der luxemburgische Botschafter Adrien  Meisch.

 

Bei der Auswahl der Interpreten, die auch in der Villa Michels wohnen, arbeitete die Familie früh mit dem Deutschen Musikrat zusammen, die sich in die "Bundesauswahl Konzerte Junger Künstler" gespielt hatten, aber auch Künstler aus der Region. So taucht der Name des ersten Konzertmeisters der Rheinischen Philharmonie, Ernst Triner, mehrfach auf.  "Eine Reihe von Interpreten, die bei uns gespielt hat, ist berühmt geworden", meint Claudia Karrich-Schlax stolz.

 

Pianisten wie Alexander Krichel oder Joseph Moog sowie die Gebrüder Stenzl, in den 1980-er Jahren noch dunkellockig auf einem Foto im Gästebuch verewigt sind, wie ihre amerikanische Kollegin Nina Tichmann, die trotz Glatteis, so ihr Eintrag, im Januar 1987 gut angekommen war.  Jüngste Beispiele von Künstlern auf Karrierekurs sind die Cellistin Janina Ruh, die im vergangenen Jahr bei einer Matinee mit Jakob Stepp in der Villa Michels auftrat, oder das Notos-Quartett.

 

Die Matineen kommen ohne öffentliche Förderung aus. Knapp 100 Personen haben sich für ein Abonnement angemeldet, damit ist der Saal mit seiner fantastischen Aussicht auf den Rhein bereits zu zwei Dritteln gefüllt.

 

 

Ein halbes Jahrhundert Leidenschaft für die Musik - Villa Michels lockt seit 50 Jahren mit Matineen

Andernach aktuell 39/2015 vom 22.09.2015 , Seite 36

von Michael Harbeke

 

Alte herrschaftliche Häuser wie die Villa Michels in Andernach, verströmen eine Sogwirkung, der man  sich nicht entziehen kann. Sie sind Begegnungsstätten, Fluchtorte der Kultur, wo Klassikfreunde in ansprechender Kulisse Klangerlebnisse miteinander teilen dürfen. Direkt am Rhein, in der Kölner Straße gelegen, ist die Villa Michels ein Hort für junge aufstrebende Künstler geworden, die das besondere Ambiente mit seiner familiären Atmosphäre zu schätzen wissen. Die 86-jährige Inhaberin Gabriel Karrich, geb. Michels, und ihre Tochter Claudia Karrich-Schlax gaben einen Einblick in die reiche Geschichte der über 100-jährigen Villa sowie der überaus erfolgreichen Konzertreihe, welche von der Familie bis zum heutigen Tag ausgerichtet wird.  Zwischen 1983 und 1897 erbaute der Niedermendiger Grubenbesitzer Franz Xaver Michels im Stil der von ihm hochgeschätzen norditalienischen Renaissance die "Villa Michels" , welche als eine der hervorstechenden architektonischen Kunstdenkmäler der Bäckerjungenstadt gelten darf. 

 

Sein Sohn Dr. Alfred Michels war der eigentliche Wegbereiter der kammermusikalischen Konzertreife, die weitherzig Tür und Tor seines Anwesens für Klassikfreunde öffnete. Gabriel Karrich ist insbesondere das leidenschaftliche Engagement ihre Vaters Alfred im Gedächtnis geblieben, welcher damals die bis heute gültige Philosophie der Karrichs aphoristisch leuchtend auf den Punkt brachte: "Man muss das große Haus mit Leben füllen, am Besten mit Musik. Denn der Geist weht , wo er will - der Geist der Musik und der des Wortes!"

 

Als er 1938 nach dem Tod seinen Mutter die Villa Michels übernommen hatte, standen jedoch harte Zeiten bevor - eine Phase, in der nicht die Kunst, sondern der Krieg die erste Geige spielte. Nachdem 1945 der Terror der Nationalsozialisten  mit der endgültigen Kapitulation am 08. Mai besiegelt worden war,  wurde die Villa Michels zunächst von US-amerikanischen und dann von französischen Truppen beschlagnahmt. Die alliierten Besatzungsmächte verwandelten das Haus in ein Offizierscasino, in dem mitunter kräftig gefeiert, aber auch auf die Völkerverständigung und Aussöhnung angestoßen wurde. Dr. Alfred Michels zog in das so genannte "Kleine Norwegerhäuschen", welches im Park der Villa  Michels seit den Gründertagen am Ende des 19. Jahrhunderts steht und das seinem Vater als Unterkunft für die ganze Familie während der Bauzeit der Villa diente.

 

In den Jahren 1956/1957 "wechselten" und die jüngst in Andernach gegründete Bundeswehr belebte die herrschaftliche Villa. Bundeskanzler Dr. Konrad Adenauer und weitere berühmte Persönlichkeiten der Nachkriegszeit weilten in der Kölner Straße mit Panoramablick auf den Rhein. Dr. Alfred Michels, der sich seit diesen Tage im Andernacher Kulturleben einbrachte und sich bei der städtischen Volkshochschule mit bildenden Vorträgen engagierte, erhielt die Villa Michels 1965 in seinen Besitz zurück. Die Geburtsstunde der Konzertreihe warf nun ihren Schatten voraus. Am 28. August fand das erste Hauskonzert in der Kölner Straße 4 statt. Ruperta Schaffganz (Klavier) und Konrad Littmann (Violoncello) spielten Händel, Mozart und Vivaldi zum Auftakt.  Wer hätte ahnen können, dass noch mehrere 100 "Intermezzi" an Ort und Stelle durch gewandte Künstlerhände folgen sollten? Nach dem Ableben ihres Vaters übernahm 1978 Gabriele Karrich die Matineen und organisierte die zusammen mit ihrem Mann Hans-Joachim Karrich, welcher 2011 verstarb. Mit Tochter Claudia Karrich-Schlax belebt nun die dritte Generation die Säle der Villa Michels polyphonisch. Wie aus einem Munde und mit einem Strahlen auf dem Gesicht berichten Mutter und Tochter von ihrem seit Jahrzehnten gepflegten Herzensprojekt:" Wir sind eins mit dem Haus und den dort konzertierenden Künstlern. wie viele glückliche Momente durften und dürfen wir mit ihnen verleben - das ist nicht mit Geld aufzuwiegen. Uns ist es enorm wichtig diesen jungen Menschen auf ihrem Karriereweg zu begleiten und sie mit an die Hand zu nehmen. Es sind uns leibgewordenen Gäste, die von uns umsorgt, betreut und beköstigt werden! Dabei greifen wir auf ein festes Stammpublikum zurück, dem es zu danken gilt. Ohne die vielen Abonnenten, die uns treu zur Seite stehen, hätten wir das nicht geschafft".

 

Guta von Freydorf-Stephanow: Villa Michels mit Kirche und rundem Turm
Guta von Freydorf-Stephanow: Villa Michels mit Kirche und rundem Turm